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#1 24.11.2016 22:20:50

Die Taube
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Die Hundesache

Diesen Text habe ich zu großen Teilen vor etwa einem Jahr geträumt.


Die Hundesache.

Das erste Date mit ihr und wir gehen in eine dieser modernen Ausstellungen. Überall darf man mitmachen und etwas anfassen und Erstsemester-Studentinnen turnen kreuz und quer umher und fühlen sich intellektuell. Mit den Händen darf man Abdrücke auf Leinwänden hinterlassen und man darf durch lange Plastikröhrchen pusten, sodass es Musik ergibt.
Nicht meins. Auf Bildern stehen einzelne Worte. "Kampfzone" auf einem Bild und allein die Schriftart soll vermitteln, dass dieses jetzt ein pazifistisches Statement sein soll. Mit Peace-Zeichen im O und Camouflage-Schrift und aus dem Wort herausragenden Blumen.
"Run a lot but walk a lotter" und "Work a lot but live a lotter" in den Sprechblasen von Cartoon-Hunden.
Warum lässt sich Jemand zu solch grammatikalischen Missbildungen absichtlich hinreißen?
Sie hat Spaß und das genügt mir. Es ist Abends als wir die Ausstellung verlassen.
Ich lege meinen Arm um sie und sie lächelt. Jetzt kommt Schritt zwei.
Ob wir noch etwas trinken gehen und eine Cocktail-Bar suchen?
Sie schüttelt den Kopf und ihre lockigen, blonden Haare schwingen mit. "Ich trinke keinen Alkohol", sagt sie.
Ihre Haare sind wunderbar gelockt. Sie sind fest und strahlend und sehen aus wie blonde Korkenzieher, mit denen man einen schönen Rotwein hätte öffnen können. Ich fasse ihre Haare an. Irgendwie muss ich nun Körperkontakt zu ihr herstellen, wenn wir jetzt schon nichts trinken. Es soll ja erfolgreich enden. Ich wandere an ihren Locken herab und zwirbel sie. Ich weiß, dass sie keine Naturlocken hat. Die Vorstellung, dass sie extra für mich und für diesen Abend ihre glatten Haare um einen glühend heißen Lockenstab wickelte erregt mich etwas. Der Mond wird hell und voll beschienen. Alles andere ist in die Dunkelheit dieses Herbstabends getaucht.
"Ich kann ja auch einen Drink ohne Alkohol trinken. Das ist schon ok.", sagt sie. Ja, nur ging ich zielorientiert an diesen Abend heran, dachte ich. Ich umfasse ihre Hüfte und wir suchen einen geeigneten Ort um den Abend ausklingen zu lassen.
Plötzlich entdecken wir fast zeitgleich ein undefiniertes Büschel Fell in einer Gasse.
"Was ist denn das?", fragt sie, "Ist das ein Tier?"

Wir nähern uns dem Büschel. Ein kleiner Welpe. Sein noch dünnes, helles Fell ist blutverklebt. "Was machen wir nun mit ihm?", fragt sie.
Dieses kleine, verletzte Wesen unbemerkt in einer Gasse. Jetzt Hund retten, anstatt Doggy-Style, denke ich. Vorsichtig nehme ich ihn. Er zittert in der Kälte und blickt mich an. Ich streiche vorsichtig durch das Fell.
"Jetzt haben wir einen Hund", sagt sie.
Vorhin konnten wir uns nicht entscheiden wo wir noch hingehen und jetzt haben wir einen Hund.
Das wirft meine Pläne durcheinander. "Wir könnten ihn gesund pflegen und uns dann um ihn kümmern", sagt sie.
Ich nicke müde und beäuge die halbe Portion, die jetzt mein neuer Freund wird.
Wolkenbruch wie aus dem Nichts. Es regnet fürchterlich und prasselt hart auf mich herab. Ich setze mir meine Kapuze auf und öffne meine Jacke, damit der Welpe nicht nass wird. Wir rennen durch die Straße um nicht so viel von dem Regen abzukriegen.
Dann sehen wir es. Ich werde das Bild nicht mehr los. Eine tote Hündin, mitten auf der Straße im Regen. Die Autos fahren an ihr vorbei. Vermutlich wurde sie angefahren. Es ist Wochenende und alle wollen feiern. Besonders jetzt, wo es regnet, will Niemand aus seinem Auto aussteigen.
Wir rennen auf die Straße und die Autos hupen an uns vorbei. Um die Hündin herum Welpen, die von ihr trinken wollten. Alle bluten. Das Regenwasser auf der Straße färbt sich rot und rinnt in den Gulli. Zwei tote Welpenkörper sind völlig zerquetscht von Autoreifen. Es ist einfach nichts mehr zu machen. Sie weint und ich sehe nur noch Flüssigkeiten, die sich vor meinem inneren Auge zu vermischen scheinen: Tränen, Regen, Blut. Das goldige Fell der Hunde völlig durchnässt und verdunkelt und in Blut getaucht.
So habe ich mir den Abend nicht vorgestellt. Die Mutter wollte ihre Kinder säugen und dann kam wohl ein Auto. Geburt und Tod so dicht beisammen. Da kennt man Jemanden eigentlich gar nicht und sieht zusammen den Tod. Ist zusammen traurig. Mir ist das unangenehm. Da raste dieses Auto und tötete eine Hundefamilie
und meinen Abend. Es ist als wäre die Zeit angehalten und alles war gefüllt mit Gedanken an diese Hunde, für die sich Niemand interessierte. "Wir müssen sie retten!", schreit sie. Sie nimmt welche und rubbelt mit ihren Händen an ihnen. Das klappt nur in Filmen.
"Sie sind tot", sage ich. Sie nimmt die drei, dessen Körper nicht augenscheinlich zermalmt waren. Morgen würde sie mit ihnen zum Tierarzt gehen. "Die sind tot", sage ich, "Aber der hier lebt noch". Ich verweise auf den Kleinen unter meiner Jacke. Alles geht ganz schnell. Jeder geht wortlos zu sich nach Hause.
Dort trockne ich das Fell vorsichtig ab und lege meinen Kumpel vorsichtig neben mich ins Bett. Ich streichel ihn und wir schlafen ein. Am nächsten Morgen ist er tot.
Es ist als wäre die gesamte Rettungsaktion umsonst gewesen.
Ich bekomme eine Nachricht von ihr: "Die Welpen sind alle tot sad"
Mit einem idiotischen Emoticon. So ein Emoticon passt vielleicht bei: "Ich habe den Bus verpasst sad", aber nicht, wenn die Aussage wirklich traurig ist. Soetwas muss man nicht untermalen.
"Meiner auch.", antworte ich.
Ich hörte nie wieder von ihr und redete nie wieder über die Hundesache.

Beitrag geändert von Die Taube (24.11.2016 22:33:40)

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