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Wissenschaftskritik: (Natur-)Wissenschaft und Ideologie
#1

Da dies auch gestern fast Thema war, würde ich hier gerne mal einen Thread über Wissenschaft und Ideologie starten und diskutieren wie ihr dazu steht.

Im öffentlichen Diskurs wird Naturwissenschaft primär als etwas ideologiefreies mit einem gewissen Allmachtsanspruch kommuniziert. Das heißt, zum einen seien naturwissenschaftliche Erkenntnisse per se ideologiefrei, zum anderen biete Naturwissenschaft die prinzipielle Möglichkeit wirklich alles zu erklären. Dabei ist letzteres eher ein philosophischer Diskurs und ich werde mich hier auch primär auf ersteres beziehen. Dabei sollte es eigentlich spätestens nach der Rassentheorie klar sein, dass sich Ideologien in der Wissenschaft manifestieren können. Zwar kommt hier meist der Einwand, diese Ideologien hätten die Wissenschaft nur missbraucht, jedoch stellt sich die Frage, ob man damit die Wissenschaft so einfach reinwaschen kann, gerade im Hinblick darauf, dass auch führende Vertreter dieser Wissenschaften Anhänger der jeweiligen Ideologien waren. Was ich hier also zunächst machen will ist an ein paar Beispielen dieses Problem aufzuzeigen.

Wir gehen zunächst davon aus, dass empirisch erfasste Daten neutral seien. Dem würde ich in vielen Fällen auch zustimmen, so zum Beispiel bei physikalischen Beobachtungen. In anderen Fällen, zum Beispiel bei Fragebögen die durch Menschen erstellt und von Menschen ausgefüllt werden müssen würde ich dem nicht prinzipiell folgen. Nehmen wir nun an, genetische Untersuchungen ergäben prinzipielle Unterschiede zwischen >Arabern< und >Weißen< (und es gibt ja mittlerweile diese komischen Gentests an denen man in Prozenten aufgelistet die Herkunft von Menschen ableiten kann) und aus empirischen Daten könne man sehen, dass >Weiß< mit >intelligent< (die Frage ob soetwas wie eine angeborene Intelligenz überhaupt existiert würde ich nicht auch noch diskutieren wollen) und >Araber< mit >dumm< korreliert. Der Rassist könnte daraus nun folgern, dass offensichtlich Araber dümmer seien. Menschen, die dieser Argumentation nicht folgen, würden den Ursprung dieser Diskrepanz nicht an den Genen festmachen, sondern möglicherweise an der wirtschaftliche Situation der jeweiligen Testpersonen oder auch, je nachdem wie hier >Intelligenz< gemessen wird, an der zur Verfügung stehenden Bildung. Ich denke die meisten hier im Forum würden eher letzterem zustimmen, es gibt jedoch kein mir bekanntes Argument, welches auf rein naturwissenschaftlicher Basis, letzteres bevorzugen würde. Ihr könnt mich aber gerne korrigieren, wenn dem nicht so ist.

Übertragen wir diese Situation nun auf eine andere. Frauen und Männern wird häufig im öffentlichen Diskurs unterschiedliche Verhaltensweisen oder intellektuelle Leistungsfähigkeiten nachgesagt. Zum Beispiel (ich gehe mal davon aus, dass man dies auch empirisch nachweisen kann), dass Frauen weniger gut in Ingenieurs- und Naturwissenschaften abschneiden. Hier stellt sich nun die selbe Frage wie oben. Ist dieser Leistungsunterschied ein biologischer, das heißt, Frauen können >von natur aus< in diesen Bereichen nicht mit Männern mithalten, wärend Männer weniger empathisch seien (oder ähnliches), oder weist die Empirie vielmehr nach, dass die Gesellschaft den Menschen in ihre jeweiligen gesellschaftlich gemachten Positionen drängt. Im Gegensatz zum vorherigen Beispiel gehe ich davon aus, dass diese Frage viel kontroverser in diesem Forum diskutiert werden würde.

Ich möchte noch zwei weitere rein naturwissenschaftliche Beispiele bringen, welche das eigentliche Problem vielleicht besser aufzeigen.

Ich denke jeder hier im Forum würde sich über jemanden lustig machen, der noch an das geozentrische Weltbild glaubt. Wärend nämlich das geozentrische Weltbild (und ich beziehe mich hier primär auf das ptolemäische) die Erde im Mittelpunkt (des Universums) sieht, geht das heliozentrische Weltbild (primär von Kopernikus und Kepler) von der Sonne im Mittelpunkt (unseres Sonnensystems) aus. Der Nachweis, welche dieser Theorien nun richtig ist, ist dabei jedoch ziemlich schwirig. Zunächst gibt es bei dem ptolemäischen Weltbild und der Epizykeltheorie genauso wie beim Heliozentrischen Weltbild, Berechnungsmöglichkeiten für die Bahnen anderer Himmelskörper. Allein durch die Messung dieser Bahnen lässt sich also keines dieser Weltbilder dem anderen Vorziehen. Tatsächlich waren es dann auch eher religiös-ideologische Gründe, welche die Ablehnung des heliozentrischen Weltbildes begründeten und primär pragmatische, weil leichter zu berechnen, Gründe die für das heliozentrische Weltbild sprachen.

Ein anderes Beispiel ist das in der Physik oft anzutreffende Beispiel des freien Falls. Galilei habe, um zu zeigen, dass Gegenstände mit unterschiedlichem Gewicht gleich schnell fallen, zwei Kugeln vom schiefen Turm in Pisa fallen lassen. Natürlich würde bei exakter Messung herauskommen, dass die unterschiedlich schweren Kugeln auch unterschiedlich schwer fallen, was durch den Luftwiderstand begründet werden kann. Viel absurder ist jedoch, dass zu dieser Anekdote meist gesagt wird, dass es vermutlich so nicht passiert sei, sondern dass Galilei etwas vergleichbares Tat, indem er zwei Zylinder (oder Kugeln) eine schiefe Ebene herrunterrollen ließ. Hier jedoch, würde sich der Unterschied der Geschwindigkeiten noch deutlicher zeigen. Durch die Rotation der Zylinder (oder Kugeln) entsteht nämlich neben der translatorischen Bewegung ein Drehmoment, welches bei gleich großen Kugeln mit unterschiedlichem Gewicht (bei homogener Massenverteilung) zu unterschiedlichen Geschwindigkeiten führt. Dies ist auch ein klassisches Experiment, welches in Vorlesungen oder im Schulunterricht gezeigt wird. So wurden in meiner Experimentalphysikvorlesung einerseits zwei Zyliner, wobei einer davon ein Hohlzylinder war, eine schiefe Ebene runterrollen gelassen um zu zeigen, dass die Fallbeschleunigung gleich sei. Andererseits wurde mit dem Herunterrollen eines Hohl- und eines Vollzylinders, diesmal mit selbem Gewicht, gezeigt, dass soetwas wie Drehmoment überhaupt existiert. Der Absurdität sind tatsächlich keine Grenzen gesetzt.

Zum Abschluss würde ich gerne noch einen kurzen Exkurs in einen Bereich geben, der mich vielleicht etwas mehr betrifft und mit dem ich mich derzeit vermehrt beschäftige (wenn ich mal wieder meine Master-Thesis nach hinten verschiebe). Ich treffe häufig auf andere Mathematikstudenten, welche der Meinung sind, Mathematiker könnten ideologisch nicht verblendet sein. Ich spreche dann meist den derzeitigen EU-Abgeordneten und Mathematiker Korwin-Mikke an, dessen Entgleisungen bezüglich jüdischen Ghettos oder Frauenwahlrecht mittlerweile bekannt sein dürften. Aber es gibt auch andere Beispiele. Im dritten Reich gab es den Versuch vom deutschen Mathemaiker Bieberbacher eine >Deutsche Mathematik< zu begründen. Diese versuchte insbesondere die Mathematik in eine >jüdische< (meist abstrakte) Mathematik und eine >arische< (meist anwendungsorientierte) Mathematik einzuteilen. Diese Einteilung war zwar auch unter antisemitischen und offen nationalsozialistischen Mathematikern (zum Beispiel Teichmüller) umstritten, trotzdem erschien die Zeitschrift >Deutsche Mathematik< von 1936 bis einschließlich 1941. Die nationalsozialistische und antisemitische Ideologie schaffte es also sogar in die vermeintlich ideologiefreie Mathematik. Ähnliche Phänomene lassen sich auch in der >Deutschen Physik< antreffen, in der ich aber noch weniger Ahnung habe. Neben diesem zugegebenermaßen sehr krassen Fall gab es natürlich auch den üblichen Antisemitismus unter Mathematikern (Pontryagin freute sich einst eine mathematische Zeitschrift >judenfrei< gemacht zu haben).

Spoiler!:
Antigermanismus ist nicht Deutschenhass! Außerdem sollte eine Lehre aus der deutschen Geschichte sein, so etwas wie deutsche Geschichte nie wieder zuzulassen. Leider gibt es immer wieder interessierte Kreise, die die Deutschenhasskeule herausholen, wann immer legitime Kritik an Deutschland vorgebracht werden soll. Die wahren Deutschenhasser sind heute diejenigen, die nicht direkt auf seine Auslöschung hinarbeiten.
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#2

Ich bemühe mich mal um eine Art Antwort.

Erst einmal ist festzustellen, dass in den Sozialwissenschaften mehr oder weniger davon ausgegangen wird das alles "Ideologie" beinhaltet. Implizit oder explizit.
Wie ist das gemeint?
Zitat:Wir gehen zunächst davon aus, dass empirisch erfasste Daten neutral seien.

Hier stimme ich zu. Empirisch erfasste Daten sollten meistens neutral sein. (Auch solche die durch Fragebogen erfasst sind. Die Antworten sind nicht neutral, die Fragen nicht, die Auswertung nicht, die Daten schon.)
Was aber schon nicht mehr neutral ist, ist die Frage welche Daten wir erfassen.

Warum gibt es Umfragen zum Thema X aber nicht zum Thema Y?
Warum wird Forschungsprojekt A unterstützt und B nicht?

Das trifft auf die sozialwissenschaften mit Sicherheit viel stärker zu als auf die Naturwissenschaften, aber auch dort muss man sich bei jedem Forschungsprojekt die Frage stellen wieviele Mittel dieses Projekt zur Verfügung gestellt kriegt.
Hinzu kommen eine Reihe weiterer Probleme:
1. Wissenschaftler benötigen veröffentlichte Papers. Ein Paper das als Resultat hat: "Meine These ist falsch, habe mich vertan." hat oft keine gute Chance auf Veröffentlichung. An dieser Stelle werden Daten dann gerne "nachgebessert".

2. Die schiere Menge an Veröffentlichungen machen Überprüfungen oft nahezu unmöglich. Das wird nochmal gesteigert durch die Möglichkeit Dinge schnell und ungeprüft zu veröffentlichen.

3. Geldgeber die Gründe haben bestimmte Narrative zu unterstützen.

Klar befindet man sich damit schon in Bereichen, bei denen man sagen kann, dass es sich um Fälschungen handelt.
Aber gerade deshalb muss man die Regeln des Spiels ändern. Solange nämlich nach den Regeln gespielt wird, die dieses Verhalten unterstützen, solange wird es dieses Verhalten geben.
Und damit kommt man zu folgendem kritischen Punkt: Wissenschaftliche Forschung ist für jeden der nicht selbst in genau dem erforschtem Fachbereich tätig ist, nicht mehr brauchbar.
Forschung steckt damit also in einer extremen Vertrauenskrise. Diese entsteht auch nur aus der Tatsache, dass Forschung nicht ideologiefrei ist und es auch nie war.

-----

Nun zum Post an sich:

Zitat:Zwar kommt hier meist der Einwand, diese Ideologien hätten die Wissenschaft nur missbraucht, jedoch stellt sich die Frage, ob man damit die Wissenschaft so einfach reinwaschen kann, gerade im Hinblick darauf, dass auch führende Vertreter dieser Wissenschaften Anhänger der jeweiligen Ideologien waren.

True Scotsman - kurzum: Der Hinweis irgendwer "missbrauche" die eigene Sache nur, zieht fast nie.
Wird aber immer gebracht.
Christen die nicht barmherzig sind? Keine Christen! (Sagt das den Ärzten von Planned Parenthood)
Muslime die Terroranschläge begehen? Keine Muslime!
Wissenschaftler die ideologische Forschung betreiben? Keine Wissenschaftler!

Viel wichtiger als jemanden aus der eigenen Gruppe auszuschließen für Fehlleistungen, wäre es die Frage zu beantworten was in der eigenen Gruppe schief läuft, damit es zu solchen Fehlleistungen kommen kann. Das führt zu dem was ich oben schon angemerkt habe. Wir müssen fehlerhafte Regeln identifizieren und diese ändern.

Nun erstmal zu deinen Beispielen:
"Araber vs. Weiß" und "Mann vs. Frau": Hier begehst du einen kleinen Fehler, wie ich finde.
Du schreibst von neutralen Daten und behauptest dann diese seien nicht neutral wegen der Schlussfolgerung.
Das ändert aber im zweifel nichts an der Neutralität der Daten. Wenn wir einen Datensatz hätten die zeigen das Araber weniger intelligent sind als Weiße, dann sind diese Daten erstmal da. Das Problem dabei ist nun die Interpretation und die Vollständigkeit der Daten. Das ist das Problem bei deinem Beispiel. Wenn man nach so einer Studie über den Einflussfaktor "Wirtschaft" nur spekulieren kann, dann fehlt dieser Faktor.
Sagen wir mal: Ich habe bei meinem Sample nicht darauf geachtet das die Testpersonen wirtschaftlich repräsentativ verteilt sind, oder aber ich bin ein männlicher Wissenschaftler, der deshalb in arabischen Ländern kaum Frauen interviewen konnte.
In beiden Fällen wären meine Daten unbrauchbar. (Immer noch "neutral" aber auch fürn Arsch.)
Und hier liegt dann für vieles sozialwissenschaftliche auch schon der Hund begraben: Schon die Frage welche Daten notwendig sind ist "ideologiegetrieben". Wenn ich eine Studie zur "Intelligenz von Arabern und Weißen" durchführen will und dabei auf das Einkommen als Faktor verzichte, dann habe ich damit eine ideologische Entscheidung getroffen. Eine bei der wohl fast jeder sagen wird: Das kannst du nicht tun!
Was wenn ich aber in meiner Studie nicht zwischen Rechts- und Linkshändern unterscheide? Sind meine Datensätze nun brauchbar? Sind sie es nicht? Was ist wenn ich mehr arabische Linkshänder interviewt habe, einfach weil ich das nicht berücksichtigt habe?

Daher: Meine Antwort zum Gesamtproblem der "Neutralität".
Ich sage Neutralität ist ein Näherungswert. Man versucht so gut wie man eben kann seine Forschung frei von Ideologie zu halten. Dabei sollte man sich bewusst sein das es nicht möglich ist sich vollständig von allen wertenden Konzepten frei zu machen.
Wertneutral ginge nur, wenn man alle Daten hätte und auch alle Daten auswerten könnte. Aber zu welcher Frage soll das möglich sein, sozialwissenschaftlich oder naturwissenschaftlich? Wie will man überhaupt jeden Einflussfaktor bestimmen?

Wissenschaft ist nicht perfekt, sie ist einfach der Versuch von uns Menschen so nah wie möglich an die Perfektion heran zu kommen. Das Problem ist, dass dieser Punkt gerne übersehen wird. Viele Menschen wollen etwas haben an dem man sich "festhalten" kann. Irgendetwas was moralische und weltbildliche Orientierung bietet.
Dafür ist Wissenschaft nicht geeignet. Gleichzeitig zeigt die Wissenschaft aber auch, dass niemand anderes das kann. Als Person die nun gerne "wissenschaftlich" sein will, bleibt einem nun nur die Einsicht das man "haltlos" ist oder man muss die Wissenschaft, wider besseren Wissens, mit diesem Allgemeingültigkeitsanspruch auf Neutralität ausstatten.
Das Fehlverhalten anderer berechtigt nicht zu eigenem Fehlverhalten.
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#3

Skafdir;21464 schrieb:Du schreibst von neutralen Daten und behauptest dann diese seien nicht neutral wegen der Schlussfolgerung.

Könntest du das näher erläutern? Ich würde die Neutralität der Daten im Allgemeinen nicht anzweifeln, sondern von der Art der Daten und deren Erhebung abhängig machen, nicht von den möglichen Schlussfolgerungen und ich sehe auch nicht wo ich etwas mache was deinem Vorwurf entspricht.

Edit: Bearbeiten geht nicht mehr ("Doch!" - Kirin Smile ) und ich hab grad keine Lust zu warten, also versuche ich dir klar zu machen, dass du das eigentliche Problem nicht verstanden hast.
Deine Vermutung scheint zu sein, dass meine Kritik in diesem Beispiel daraus bestehen würde, dass die wirtschaftliche Lage (öder Ähnliches) nicht mit betrachtet wurde. Das spielt tatsächlich garkeine Rolle. Der Rassist würde die wirtschaftliche Lage prinzipiell als Folge der vermeintlich verminderten Intelligenz sehen und somit als weiteren Beweis seiner These.
Antigermanismus ist nicht Deutschenhass! Außerdem sollte eine Lehre aus der deutschen Geschichte sein, so etwas wie deutsche Geschichte nie wieder zuzulassen. Leider gibt es immer wieder interessierte Kreise, die die Deutschenhasskeule herausholen, wann immer legitime Kritik an Deutschland vorgebracht werden soll. Die wahren Deutschenhasser sind heute diejenigen, die nicht direkt auf seine Auslöschung hinarbeiten.
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#4

Ja würde er [Edit: Der Rassist, die Daten für seine Weltsicht gebrauchen. #verständlichschreibenftw]. Die Daten wären ja aber immer noch "neutral", lediglich die Interpretation (was ist Wirkung, was ist Ursache?) verändert sich.

Was ich sagen wollte ist: Selbst mit vollkommen neutral erhobenen Daten, hat man immer auch eine ideologisch geprägte Interpretation dieser Daten.

Dein Text klingt hingegen so als würde das Problem schon mit den Daten anfangen. Da würde ich halt widersprechen. Die Daten, so sie nicht von Anfang an gefälscht sind, sind erst einmal einfach Daten und liegen vor. Der Apfel fällt vom Baum und zwar jedes mal. Ob wir da nun den Schluss draus ziehen das es irgendeine unsichtbare Kraft gibt die den Apfel quasi zu Boden zieht oder den Schluss das es einen unsichtbaren Akteur gibt der jedesmal pünktlich zur Stelle ist um den Apfel zu Boden zu werfen ist dann hingegen Interpretationssache.

Um es mal auf das einfache Beispiel zu bringen.
Ich habe dich folgendermaßen verstanden:
Wir haben die Situation das zwei Leute unter zwei Bäumen sitzen. Beiden fällt ein Apfel auf den Kopf.
Person A: Newton
Person B: Der Erzbischof von Köln

Beide haben den gleichen Datensatz erhalten: "Apfel auf Birne tut weh."
Nun geht Person B hin und sagt: Gott will mir etwas sagen. (Vermutlich das die Äpfel reif sind.)
Person A hingegen sitzt unter dem Baum und sagt: Hey, Leute... habt ihr euch jemals gefragt warum der Apfel eigentlich nicht nach oben fällt? (Und reicht den Joint weiter in die Runde seiner imaginären Freunde.)

Resultat der unterschiedlichen Interpretation des Datensatz:
Person B hat einen Vorrat an Äpfeln.
Person A arbeitet an der Theorie der Schwerkraft.

Hier sage ich:
Die Daten sind neutral, weil beide male "Apfel-Bumms-Aua".
Die Interpretation der Daten ist aber in einem Fall religiös motiviert, während im anderen Fall die gängige Erklärung nicht akzeptiert wird. Beides ist erst einmal "ideologisch".

So wie ich dich verstanden habe würdest du aber dem Apfel der aufs bischöfliche Haupt gefallen ist, den Vorwurf machen, er sei ein theologischer Apfel. Während der newtonsche Apfel ein wissenschaftlicher Apfel ist.

Nun wie komme ich darauf?
Aus folgendem Zitat:

Zitat:Wir gehen zunächst davon aus, dass empirisch erfasste Daten neutral seien. Dem würde ich in vielen Fällen auch zustimmen, so zum Beispiel bei physikalischen Beobachtungen. In anderen Fällen, zum Beispiel bei Fragebögen die durch Menschen erstellt und von Menschen ausgefüllt werden müssen würde ich dem nicht prinzipiell folgen.

Satz 1: Annahme - Daten sind neutral -
Satz 2: Bestätigt sich bei - physikalischen Beobachtungen -
Satz 3: Zweifelhaft bei - Fragebögen -

Dazu sage ich halt:
Nein, die Daten eines Fragebogen sind neutral. Ähnlich wie der gefallene Apfel. Es gibt keine theologischen und wissenschaftlichen Äpfel.

Die Frage ist: Wie gehe ich mit den Daten aus einem Fragebogen um. (Also wie im Apfelbeispiel ist erst die Schlussfolgerung der Teil an dem die Ideologie hervortritt.)
Das große Problem warum bei einem Fragebogen die Daten nicht neutral wirken, kommt dadurch auf, dass man eigentlich nie alle Daten erheben kann und man deshalb immer die Frage hat, welche Daten nun notwendig sind und welche nicht. Wichtig: hier kann es durchaus passieren, dass man aus ideologischen Gründen bestimmte Fragen gar nicht erst stellt. Das trifft auf die Naturwissenschaften aber genauso zu. Man muss halt immer begründen was genau man gerade erforscht und was nicht. Die Überlegung ist fast nie rein rational.

Aber das ist der Prozess vor der Datenerhebung. Daher sage ich halt, man ist entweder vor oder nach der Datenerhebung ideologisch, die Daten selber sind neutral. Sie sind vielleicht nicht zu gebrauchen, aber neutral.
Das Fehlverhalten anderer berechtigt nicht zu eigenem Fehlverhalten.
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#5

Ja du hast es nicht verstanden. Die Diskussion um die Neutralität von Daten wollte ich gerade nicht starten, weshalb ich zunächst die Annahme tätigte sie seien es. Dies wollte ich aber nicht tun, ohne die Frage aufzuwerfen, ob diese Annahme eventuell falsch ist. Der komplette Text danach benutzt auch an keiner einzigen Stelle, dass die erhobenen Daten in irgendeiner Weise nicht neutral sein könnten. Der Satz den ich schrieb, sollte also ausschließlich darlegen, dass man dies auch zur Debatte stellen könnte, die vorgeschobene Annahme sollte jedoch zum Ausdruck bringen, dass ich gerade diese Debatte nicht hier starten möchte. Inwiefern nun das alles in meinen Beispielen eine Rolle spielt konntest du dagegen immernoch nicht erklären.
Antigermanismus ist nicht Deutschenhass! Außerdem sollte eine Lehre aus der deutschen Geschichte sein, so etwas wie deutsche Geschichte nie wieder zuzulassen. Leider gibt es immer wieder interessierte Kreise, die die Deutschenhasskeule herausholen, wann immer legitime Kritik an Deutschland vorgebracht werden soll. Die wahren Deutschenhasser sind heute diejenigen, die nicht direkt auf seine Auslöschung hinarbeiten.
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#6

Ok, in dem Fall habe ich dich da missverstanden.
Dann frage ich mich nur: Was genau ist Diskussionsgegenstand?

Das die Interpretation von Daten durch kulturelle und weltanschauliche Einflüsse beeinflusst wird, steht hoffentlich außer Frage. So unreflektiert kommt mir in diesem Forum niemand vor.
Zumal deine Beispiele auch einfach Fakten sind die so vorgekommen sind. Was genau soll da dann also diskutiert werden?

Kann natürlich sein das ich einfach zufällig deine Meinung Teile und deshalb das Problem an sich nicht verstehe. Aber welcher Widerspruch zu deiner Darstellung soll existieren?

Deshalb ja auch meine Antwort darauf. Ich las deinen Post, stimmte dem soweit zu und habe mich eben nur an diesem hier gestoßen:
Zitat:weshalb ich zunächst die Annahme tätigte sie seien es. Dies wollte ich aber nicht tun, ohne die Frage aufzuwerfen, ob diese Annahme eventuell falsch ist.

Wenn es um solche Dinge geht:
Zitat:Ich treffe häufig auf andere Mathematikstudenten, welche der Meinung sind, Mathematiker könnten ideologisch nicht verblendet sein.

Die Aussage klingt für mich nach einem gefundenen Fressen für die Religionswissenschaft. Die vollständige Überlegenheit der eigenen Denkweise, ich glaube das habe ich irgendwann schonmal gehört. Aber auch hier: Was genau soll man da diskutieren? An der Aussage erkennt man schon, dass diese Studenten "ideologisch verblendet" sind, da sie ihre eigene Weltanschauung als überlegen betrachten.

Abschließend nochmal, mein erster Post etwas "reframed", mit der Arbeitsbegründung aus dem Eingangspost:
Zitat:einen Thread über Wissenschaft und Ideologie starten und diskutieren wie ihr dazu steht

Wie ich oben schon formulierte, hier vielleicht klarer auf den Punkt gebracht:
Es gibt keine Möglichkeit ideologiefreier Untersuchungen. An irgendeinem Punkt spielt diese mit in die Forschung rein und alles was man tun kann ist sich Gedanken darum zu machen wie man diese möglichst gering hält.
Dazu gehört eine Reflexion über folgende Dinge:
1. Warum forsche ich an diesem Thema? (Geld, Interesse, gesellschaftliche Notwendigkeit, politische Ziele, etc.)
2. Welche Fragen richten ich an das Thema? (Datenerhebung)
3. Wie gewichte ich die Daten in meiner Interpretation?*

*Dieser Punkt ist für geistes- und sozialwissenschaften deutlich wichtiger. Da in den Naturwissenschaften viel häufiger der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung klar werden sollte.
Es stellt sich halt nicht die Frage ob "das Wasser verdampft ist weil es heiß geworden ist, oder ob es heiß geworden ist weil es verdampft ist".** In deinem "Araber-Weiße" Beispiel stellt sich diese Frage aber schon und deshalb kommt bei den Geistes- und Sozialwissenschaften eben dieser Punkt 3. noch als Schwierigkeit hinzu.

**Gibt vermutlich genug Beispiele bei denen das auch bei Naturwissenschaften unklar ist. Ich gehe nun aber trotzdem mal davon aus das es deutlich häufiger eindeutig ist.
Das Fehlverhalten anderer berechtigt nicht zu eigenem Fehlverhalten.
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#7

Skafdir;21498 schrieb:Ok, in dem Fall habe ich dich da missverstanden.
Dann frage ich mich nur: Was genau ist Diskussionsgegenstand?

Das die Interpretation von Daten durch kulturelle und weltanschauliche Einflüsse beeinflusst wird, steht hoffentlich außer Frage. So unreflektiert kommt mir in diesem Forum niemand vor.
Zumal deine Beispiele auch einfach Fakten sind die so vorgekommen sind. Was genau soll da dann also diskutiert werden?

Kann natürlich sein das ich einfach zufällig deine Meinung Teile und deshalb das Problem an sich nicht verstehe. Aber welcher Widerspruch zu deiner Darstellung soll existieren?

Ich war (oder bin?) mir tatsächlich nicht so sicher, ob diese Einsicht von jedem hier im Forum geteilt wird. Spätestens aber wenn man außerhalb des Forums schaut, wird es meiner Meinung nach offensichtlich, dass dies nicht Grundkonsens ist und wenn es schon keinen expliziten Einwand gegen meine Ausführungen (in diesem Forum) gibt, so habe ich mir wenigstens Beispiele aus anderen wissenschaftlichen Bereichen erhofft in denen Ähnliches anzutreffen ist. Ein kritischer Umgang mit Naturwissenschaften und dem wissenschaftlichen Arbeiten findet bis auf irgendwelche Verschwörungstheoretiker, bei denen das Adjektiv "kritisch" wohl unpassender nicht sein könnte, nicht statt.

Skafdir;21498 schrieb:
Zitat:Ich treffe häufig auf andere Mathematikstudenten, welche der Meinung sind, Mathematiker könnten ideologisch nicht verblendet sein.

Die Aussage klingt für mich nach einem gefundenen Fressen für die Religionswissenschaft. Die vollständige Überlegenheit der eigenen Denkweise, ich glaube das habe ich irgendwann schonmal gehört. Aber auch hier: Was genau soll man da diskutieren? An der Aussage erkennt man schon, dass diese Studenten "ideologisch verblendet" sind, da sie ihre eigene Weltanschauung als überlegen betrachten.

Mathematiker sein ist keine Weltanschauung und es gibt zunächst gute Gründe dieser Annahme zu folgen. Mathematik ist eine (Geistes-)Wissenschaft, die komplett auf logische Schlussfolgerungen aus vorher festgelegten Annahmen aufbaut. Aus diesem Zwang zum logischen Denken und Schlussfolgern könnte man nun ableiten, dass Mathematiker weniger auf irgendwelche Ideologien reinfallen und genau das passiert auch bei diesen Mathematikstudenten.
Antigermanismus ist nicht Deutschenhass! Außerdem sollte eine Lehre aus der deutschen Geschichte sein, so etwas wie deutsche Geschichte nie wieder zuzulassen. Leider gibt es immer wieder interessierte Kreise, die die Deutschenhasskeule herausholen, wann immer legitime Kritik an Deutschland vorgebracht werden soll. Die wahren Deutschenhasser sind heute diejenigen, die nicht direkt auf seine Auslöschung hinarbeiten.
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