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Intellektus Pseudica
#3

Tags: Postmodernismus, Feminismus, Konstruktivismus, Ideologien
Thema: Cultural appropriation
Quelle: NY Times / The Guardian / CampusReform / Daily Mail
Autor: Divers
Motivation: Rassismus
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Wenn man mir vor einigen Jahren gesagt hätte, dass das Rassismusproblem in den USA vom schwarzen Teil der Bevölkerung ausgehen würde - ich hätte gelacht. Eher hätte ich gedacht, dass ich einen verrückten Rassisten vor mir habe, der versucht die Realität zu verdrehen und Stimmung gegen Menschen mit dunklerem Hautton zu machen. Momentan befinde ich mich an einem Punkt, an dem ich geneigt bin aber genau solch ein Statement zu machen. Ich tue es jedoch nicht, da es einen ganz großen Denkfehler beinhaltet: Eine Gruppe von Rassisten spricht niemals für eine gesamte Ethnie. Genausowenig wie der KKK für alle weißen Menschen spricht, wie der IS nicht für den Islam sprechen kann, genausowenig sprechen die Rassisten von Black Lives Matter für alle Schwarzen oder die gesamte Geschichte der Bewegung selbst.

BLM war ursprünglich eine Reaktion auf mehrere Fälle von (angeblich) unnötiger Polizeigewalt. Jugendliche sowie unbewaffnete Schwarze starben bei Polizeieinsätzen, unabhängig von einer begangenen Straftat. Das Vorurteil, dass die US-Polizei Probleme mit Rassismus hat, existiert nicht erst seit gestern. Auch ich habe dieses Vorurteil und ehrlich gesagt kann ich mich nicht an den Tag erinnern, wann ich zum ersten Mal darüber nachdachte, dass das vielleicht eine institutionelle Struktur sein könnte. Mit anderen Worten - das Vorurteil ist sehr alt. Wenn sogar eine Deutschnase wie ich solch ein Vorurteil besitzt, wie soll es da erst in den Armenvierteln der US-Städte aussehen? Gerade im schwarzen Teil der Bevölkerung? Natürlich hat es dort vielleicht sogar als erstes Gerüchte darüber gegeben und vielleicht gab es viel mehr als das - Beispiele. Generationen wuchsen mit dem Gefühl auf, dass sie anders behandelt würden. Dass Polizisten nicht nur Hilfe, sondern dass sie auch Lebensgefahr bedeuteten. Ein solches Leben, nicht nur bezogen auf institutionellen Rassismus sondern auch die Lebensumstände, kann man sich in einem sozial gut abgesicherten Deutschland kaum vorstellen. Selbst die schlimmsten Migrantenghettos sind nicht so verarmt, wie US-amerikanische Ghettos in den Metropolen. Sogar das Argument, dass es auf die 'relative' und nicht die 'absolute' Armut ankäme (was vollkommen richtig ist), versandet. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind in den USA noch viel stärker definiert, als in Deutschland.

Menschen in Armut erleben sich oft als machtlos. Klar, Mittellosigkeit im Kapitalismus verdammt einen Menschen zur Handlungsunfähigkeit. So gibt es oft keine andere Chance als mit Drogen zu dealen, wenn man schnell ein paar Dollar machen möchte, um irgendwie an einen materiellen Wohlstand zu kommen. Einige mögen dieses Leben ja schätzen, aber die meisten hätten wohl lieber einfach einen Job, der ihnen in der Gesellschaft Respekt verleiht und ihnen das Gefühl gibt Teil des allgemeinen Spiels zu sein, ohne ständig auf der Ersatzbank sitzen zu müssen. Schwarze hatten es schwer, selbst noch einige Jahre nach dem Ende der Segregation bzw. der Sklaverei.

Heute sieht das anders aus. Das Bildungssystem ist überschwemmt mit den sogenannten 'Liberals', welche sich auch die Hälfte der Medienmacht und der Politik mit den 'Reps' teilen. Farbenblindheit, Menschenrechte und 'Equality of Oppertunities' sind in aller Munde. Einen Schwarzen für seine Hautfarbe abzuwerten wird hart sanktioniert, institutionell wie auch gesellschaftlich und in den Medien. Niemand will Rassist sein. Es gibt Förderprogramme für schwarze Kinder, es gibt Stipendien und Beratungsstellen, Gleichstellungsbeauftragte und andere Interessensverbände mit viel Einfluss auf das Bildungssystem und die Lokalpolitik. Damit ist das Rassismusproblem doch erledigt, oder?!

Nein. Das ist es nicht. Die Ghettoisierung und die Verarmung des schwarzen Teils der Bevölkerung können nur sehr mühsam über 'Empowerment'-Projekte beseitigt werden. Noch heute begehen Schwarze den Großteil aller Straftaten. Meistens handelt es sich hierbei um Kleindelikte, aber die Statistiken zeigen eindeutig: Kriminalität ist dort, wo (relative) Armut herrscht. Viele behaupten das Läge daran, dass man bei Weißen nur nicht so genau hinschaut, aber dies widerspricht dem Argument, dass Schwarze grundsätzlich öfter von relativer Armut betroffen sind. Wenn diese Armut nämlich Kriminalität und Brutalität hervorbringt und Schwarze darunter am härtesten zu leiden haben, dann begehen im Umkehrschluss auch weniger Weiße Straftaten - und das stimmt auch. Hier wird auch die schwere der Straftaten nicht unterschieden, sondern es geht nur um die blanke Zahl der Menschen, die eine Verurteilung kassierten oder sogar ins Gefängnis kamen. Also neigt man als Schwarzer dazu kriminell zu sein? Ja und nein. Ja, weil die Lebensumstände entsprechend sind. Nein, weil die bloße Hautfarbe keinerlei Einfluss auf die intrinsische Motivation eine Straftat zu begehen besitzt. Damit ist das Problem relativ gut eingegrenzt.

Jetzt ist es in den USA aber nicht so leicht relative Armut zu bekämpfen. Das Schulsystem bevorzugt jene Schulen, die Schüler mit hohen Leistungen produzieren. Diese Schulen bekommen einen größeren Teil des "Fundings", während Schulen die schlechter abschneiden weniger Geld zu Verfügung haben. Dies entspricht durch und durch dem amerikanischen Gedanken, sorgt aber dafür, dass Schulen in Brennpunkten einfach nicht die entsprechenden Lehrmaterialen zu Verfügung stellen können, die sie bräuchten, um auch Kinder mit Entwicklungsverzögerungen zu supporten. Meisten geht es dabei auch um die Menge an Lehrern, die man einstellen kann. Da in ärmeren Bevölkerungsschichten das kulturelle Kapital niedriger ist, als in besser situierten Familen, gehen Kinder oft mit einem Entwicklungsrückstand und weniger Vorwissen gen Schulanfang. Dies müssen dann die Lehrer abfangen und aufbauen. Da Kinder aber keine Maschinen sind und sich nicht nach Norm entwickeln, ist das für die Lehrer mehr ein Glücksspiel, als ein kalkulierbares Unterfangen. Die Kinder sind nicht dümmer als andere, sie gehen einfach bloß mit weniger Werkzeuge an die Arbeit.

Auch das soziale Netz in den USA ist nicht so großzügig, als dass es Arbeitslosen und Menschen die arbeitsunfähig sind eine große Teilnahme am kulturellen Leben ermöglichen würde. Selbst in Deutschland ist es kaum vorstellbar, wie ein Hartz IV-Empfänger Kontakte zur oberen Mittelschicht knüpfen soll, wenn er sich das Ticket für die Oper (unabhängig vom Interesse) nicht leisten kann. Ist man in den USA arm, dann ist man eben arm. 'Man' beschreibt hierbei eine gesamte Familie und nicht nur das einzelne Individuum. Dass in diesem Milieu Gewalt und Kriminalität eine stärkere Rolle spielen, dürfte kaum verwundern. Wer überleben will, der muss kämpfen und man kämpft nur auf den Schlachtfeldern, die man auch erreichen kann. Dort wird man hasserfüllt und verbittert, denn wenn das ganze Leben aus einer Kette ewigen Versagens besteht, dann fragt man sich irgendwann, ob man selbst wirklich das Problem ist oder ob es da noch andere Mechanismen gibt. Diese glaubt man auch zu finden: 'Ich bin arm, weil ich schwarz bin'.

Wer die letzte Folge von Alternativlos.org gehört hat, der bekam eine Menge über Gentrifizierung zu hören. Dabei handelt es sich um eine spekulationsgetriebene Werteschaffung im Immobilienmarkt. Wobei 'Werteschaffung' ein zynischer Begriff ist, da keine Werte geschaffen werden, sofern man Geld als Wert nicht anerkennen mag. Kommunen, die Pleite sind, versuchen über die Stadtplanung ihre Lebensräume für Menschen attraktiv zu machen, die Geld mitbringen. So werden Viertel, die eigentlich Sozialwohnungen und Eigentumswohnungen durchmischt halten konnten, auf Hipsterniveau aufgepeppt. Biomärkte, Szenecafés, Nähe zum Arbeitsplatz und allerlei andere 'Merkmale' sollen die Mittel- bis Oberschicht davon überzeugen, sich dort anzusiedeln. Das Problem ist, dass ärmere Bevölkerungsschichten das Stadtbild empfindlich stören. Über geplante Mechanismen wie arbiträre Motive (Spekulanten) werden diese aus ihren Wohnungen vertrieben. Irgendwo müssen diese Menschen aber hin und so bilden sich immer größere und klarer definierte Armenviertel. Ghettos. Arm und Reich leben Tür an Tür, jedoch ohne kulturelle Berührungspunkte, da die Lebenswirklichkeiten nahezu keinerlei Schnittpunkte aufweisen. Man sieht sich, aber man hält sich fern. Diesen Prozess rückgängig zu machen ist nahezu unmöglich, jedenfalls in einem freien Markt ohne staatliche Einmischung. Ghettos verkrusten und bilden eigene Identitäten. Identitäten haben den Vorteil, dass sie uns Gewissheit über unser Sein geben. Sie haben aber den Nachteil, dass wir an ihnen festhalten. So ist es für Bildungs- und Milieuaufsteiger nicht nur besonders schwierig, überhaupt eine Sprosse der gesellschafltichen Leiter höher zu kommen, es ist möglicherweise sogar psychologisch herausfordernd. Da Milieus gut abgegrenzt sind, bedeutet das für einen Hoffnungsträger auch den Kontakt zur Herkunft zu verlieren. Wer sich bildet, der spricht anders, isst anders, lebt anders. Die Gemeinsamkeiten zur Familie und zum Freundeskreis schwinden und verlieren sich gar. Diese Entwurzelung mag sehr schmerzhaft und hemmend sein und ist in jedem Fall ein ernstzunehmendes Leid. Kein Kind will sich seinen Eltern überlegen fühlen oder die wenigsten empfinden dies als Merkmal eines persönlichen Erfolges. Die einzige Konsequenz daraus wäre, Ghettos erst gar nicht entstehen zu lassen oder über eine Durchmischung dafür zu sorgen, dass kulturelle Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen Milieus wachsen können. In den USA ein nahezu undenkbares Szenario, denn dies bedeutete eine massenhafte Enteignung von Wohnungen mit dem gleichzeitigen Zugeständnis, dass die erhofften Effekte spät und nie auftreten werden. Wie gesagt - Menschen entwickeln sich nicht nach Norm.

Man kann es sich wohl kaum vorstellen, wie es ist, als Schwarzer in den USA in einem Armenviertel aufzuwachsen. Ein paradoxes Gemisch aus Wut und Resignation kann sich zu einem explosiven Gemisch hervortun. Nämlich genau dann, wenn zum richtigen Zeitpunkt das Falsche passiert. Zum Beispiel die Erschießung eines Kindes durch einen Polizisten, der seine Gefährdungslage nicht hinreichend begründen kann. Wer aus der Ohnmacht aufwachen möchte, der trägt viel angestaute Wut mit sich. Irgendwann steht man dann mit zig Freunden und Nachbarn auf der Straße und schreit in die Gesellschaft, dass auch das eigene Leben eine Rolle spielt.

Ende Teil I
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