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Deutschland und seine Anglizismen
#46

DeeperSight;20408 schrieb:@Baru

Ist Reddit irgendeine wissenschaftliche Instanz? Ich frag nur...

Nein, das ist ein Subreddit, was aus Linguisten besteht. Lies es regelmäßig, dann wirst du verstehen was ich meine.

Zitat:Sorry, aber diese Krücke hat mich derart aufgeregt, dass ich mich dann doch in diesem Thread angemeldet habe.

Ist keine Krücke.

Zitat:Das sogenannte "Assi-Deutsch" (oder auch Assistentendeutsch) ist keine wirkliche eigene Sprache. Wenn du natürlich das Asi-Deutsch (Asozialendeutsch) meinst, dann wird die Aussage besonders heikel.

Am schlimmsten sind die Deutschen, die falsch Sachen korrigieren. Der Duden erlaubt Assi für Asoziale. Achte mal auf die Aussprache, dann weißt du auch warum. http://www.duden.de/rechtschreibung/Assi_Asoziale

Ist so ein Klassiker der falschen Korrekturen.

Zitat:Es ist völlig schnurz, in welche Studie du schaust... ob IGLU, TIMMS, DESI, PISA oder IQB - überall findet sich ein überaus deutlicher Zusammenhang zwischen dem Beherrschen der Verkehrssprache und dem Bildungserfolg.

Tja, nur habe ich nie gegen das Lehren der amtlichen Standardsprache mich ausgesprochen, ganz im Gegenteil. Die Aussage kannst du fünf Posts vorher finden.

Zitat: Wenn die Verkehrssprache also (Standard-)Deutsch ist, dann hilft es dem Jugendlichen einen Scheiß, wenn er die Verkrüppelung, die du "Variante" nennst, "gut" spricht. Das ist eine absolute Nullaussage.

Aus linguistischer Sicht ist der Begriff "Verkrüppelung" völlig unsachlich. Es geht auch nicht darum, dem Jugendlichen zu helfen, sondern um eine sachliche Einordnung. Die Aussage, dass ein Muttersprachler seine Sprache nicht gut spricht, macht aus wissenschaftlicher Sicht üblicherweise keinen Sinn, pardon ... ergibt keinen Sinn. Das "gut" kann man dann natürlich streichen, aber das gilt für alle Sprecher.

Wenn du das nicht akzeptieren willst, dann frag dich mal, ob deine Einstellung zu den klassischen Dialekten die gleiche ist. Oder ob ein Bayer, der im klischeehaft dialektal gefärbten Standarddeutsch spricht, auch "schlecht" spricht. Aus linguistischer Sicht sind das alles einfach Varianten der deutschen Sprache.


Zitat:Ein geringerer Wortschatz, eine kaputte Grammatik und mangelhafte Orthographie sorgen durchweg in allen Fächern dafür, dass die basalsten Bildungsanreize nicht verarbeitet werden.

Wie gesagt, ich mich dafür ausgesprochen, dass die Schüler auch das amtliche Standarddeutsch lernen sollen, damit sie eine Wahl haben.

Geringer Wortschatz, kaputte Grammatik und mangelhafte Orthographie sind reinste Klischeebilder, die nicht sachgemäß die Situation beschreiben. Denn die Aussage entsteht alleine aus der Sicht, dass die Standardsprache das "wahre Deutsch" ist und alles andere ist "falsches Deutsch". Das wirst du nicht wissenschaftlich begründen können. Deren Grammatik wird genauso ihre Regeln haben, sie beherrschen einen Wortschatz, den du dafür nicht beherrschst und mangelhafte Orthografie hat zum einen nichts mit Deutsch sprechen zu tun und ist zum anderen wieder nur das Resultat, wenn man eine Variante des Deutschen plus ausgewählte Dialekte zum "wahren Deutsch" macht.

Sachgemäß würde die Aussage bei den Jugendlichen maximal lauten, dass sie die offizielle deutsche Standardvariante unzureichend beherrschen und dass deswegen berufliche Nachteile wahrscheinlich sind.

Ein sachgemäßer Umgang damit wird aber nicht erfolgen, wenn man behauptet, die Jugendlichen würden einfach Deutsch nicht gut sprechen. Es könnte stattdessen helfen, den Grammatikunterricht gerade in den typischen Problemvierteln kontrastiv zu betreiben. Nimm als Basis deren Variante des Deutschen und zeige die Unterschiede auf, verdamme nicht deren Subkultur, sondern baue darauf auf.



Zitat:Migranten z.B., die selten bis nie die deutsche Sprache im heimischen Umfeld nutzen, liegen teilweise mehrere Schuljahre im Vergleich zu ihren Klassenkameraden zurück.

Wir sprechen hier von Muttersprachlern.

Zitat: Dieser Trend ist aber auch bei nicht-allochthonen Kinder zu beobachten. Der fehlende Wortschaft führt zwangsläufig zu einer geringeren Möglichkeit sich und seine Bedürfnisse zu artikulieren, was zu einigen Konflikten bis hin zu stark aggressivem Verhalten führen kann.

Mehr Sprachkenntnisse sind immer gut. Und wenn viele Arbeitgeber eine spezielle Variante des Deutschen als Grundfähigkeit fordern, dann ist das erstmal so. Hier aber ein Bild zu skizzieren von Menschen, die nicht ihre Bedürfnisse artikulieren können, hat nichts mit der Realität zu tun. Innerhalb ihrer Subkultur ist das sehr wohl ohne Probleme möglich. Das Problem entsteht, wenn zwei Varianten des Deutschen aneinander prallen und der eine den anderen nicht versteht.

Zitat:Also, das Nichtbeherrschen der Verkehrssprache als "Variante" zu bezeichnen ist schon 'n starkes Stück. Ich ruf mal bei meinem früheren Gymi an und sach denen, dass die zwei Punkte in Mathe in der Abi-Prüfung ungerechtfertigt sind, denn ich nutzte eine "Variante" der Mathematik, um die Aufgaben zu lösen.

Die Aussage ist sowas ........ argh ....

Mathematik ist etwas logisch aufgebautes. Die deutsche Sprache bestand schon immer aus unzähligen Varianten, Soziolekten, Regiolekte, Dialekten uä. Dieses "starke Stück" ist der einzige sinnvolle Weg, Sprache von oben zu betrachten.



Zitat:Ich halte es für sehr gefährlich bis zynisch Menschen ihre fehlende Sprachkompetenz als "eigene Sprache" auszulegen. Es gilt die deutsche Sprache und diese ist auch zu erlernen. Sonst funktioniert die Gesellschaft nicht und der Mensch in der Gesellschaft ebenso.

"Es gilt die deutsche Sprache". Was soll das bedeuten? Wer genau kann das für das Privatleben vorschreiben? Was ist die "deutsche Sprache"? Sind Dialekte kein Teil der deutschen Sprache?

Was du in deinem Kopf als "deutsche Sprache" hast, existiert so gar nicht. Die deutsche Sprache ist nicht einfach ein Regelkatalog, den eine Behörde mal als die amtliche Rechtschreibung und Grammatik festgelegt hat, weil eine Bevölkerungsmehrheit einen speziellen Dialekt mehr oder weniger verstehen und etwas seltener auch sprechen kann. Es ist stattdessen das Sammelsurium von 80 Millionen Sprechern.


Für einen schnellen Vergleich bietet sich der Eintrag African American Vernecular English in der englischen Wikipedia an.

Zitat:Linguists maintain that there is nothing intrinsically "wrong" or "sloppy" about AAVE as a language variety since, like all dialects, AAVE shows consistent internal logic and grammatical complexity, and is used naturally to express thoughts and ideas.[80] Other attitudes about AAVE are less positive; since AAVE deviates from the standard, its use is commonly misinterpreted as a sign of ignorance, laziness, or both.[81][82] Perhaps because of this attitude (as well as similar attitudes among other Americans), most speakers of AAVE are bidialectal, being able to speak with a more General American accent as well as AAVE. Such linguistic adaptation in different environments is called code-switching[83][84]—though Linnes (1998) argues that the situation is actually one of diglossia:[85] each dialect, or code, is applied in different settings. Generally speaking, the degree of exclusive use of AAVE decreases with increasing socioeconomic status (although AAVE is still used by even well-educated African Americans).[86][87][88][89]
https://en.wikipedia.org/wiki/African_Am...ar_English

Deutlich kürzer ist der Wiki-Artikel zu "Kanak Sprak", liefert aber zumindest einen kleinen Einblick, wie die Wissenschaft das ganze sieht: https://de.wikipedia.org/wiki/Kanak_Sprak
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